HeuteWenn niemand mehr weiß, ob am anderen Ende ein Mensch sitzt
Vor Kurzem bin ich auf ein Video gestoßen mit dem Titel „Übernahme der Maschinen: Ist das Internet tot?“. Es beschreibt eine Verschiebung mit Tragweite. Ein wachsender Teil dessen, was im Netz passiert, hat mit Menschen kaum noch etwas zu tun. Die eigentliche Frage dahinter ist: Woran erkennt man heute noch, ob am anderen Ende überhaupt ein Mensch sitzt.
Zahlen, die ihre Bedeutung verlieren
Automatisierter Traffic – Anfragen, die gar nicht von Menschen stammen – hat den menschlichen inzwischen überholt. Cloudflare hat dazu im Juni 2026 seine Daten ausgewertet: 57,5 Prozent aller Anfragen im Web kommen von Maschinen, 42,5 Prozent von Menschen [1]. Firmenchef Matthew Prince hatte diesen Punkt ursprünglich erst für 2027 erwartet.
Das Video nennt daneben eine zweite Zahl: Mehr als die Hälfte aller neuen Kurzvideos auf TikTok und Instagram sollen maschinell erstellt sein.
Interessant werden diese Zahlen, wenn man bedenkt, wofür ein Klick oder ein Follower ursprünglich stand: für eine Entscheidung, die jemand freiwillig getroffen hat. Entsteht diese Zahl zunehmend ohne eine solche Entscheidung, verliert sie genau die Bedeutung, für die sie einmal gemessen wurde.
Die Logik hinter der Verdrängung
Im Video erzählt ein Social-Media-Manager aus Hamburg, der selbst mehrere Influencer betreut, seine eigene Geschichte. Seinen Mode-Account mit über 25.000 Followern hat er im Oktober 2025 aufgegeben, verdrängt von KI-generierten Fashion-Accounts mit teils hunderttausenden Followern, die mehrmals täglich neue Videos veröffentlichen. Interessant ist, was dabei tatsächlich den Ausschlag gibt. Eine KI verhandelt nicht und hat keine eigene Meinung zum Produkt. Sie liefert exakt das, was vorgegeben wird. Genau diese Fügsamkeit wiegt am Ende schwerer als jede Ersparnis beim Preis.
Ein System, das sich selbst kopiert
Ein Mechanismus verbindet beide Beobachtungen. Plattformen zeigen bevorzugt Inhalte dort, wo bereits viel interagiert wurde, unabhängig davon, ob ein Mensch oder eine Maschine interagiert hat. Wer schneller produziert, gewinnt in diesem System einen Vorsprung, den Qualität allein nicht ausgleicht. Und weil KI-Systeme inzwischen auch mit Inhalten trainiert werden, die andere KI-Systeme erzeugt haben, verstärkt sich der Effekt von innen: Die Ergebnisse werden mit jeder Generation etwas ungenauer und ähnlicher. Forscher nennen das Model Collapse und haben es 2024 in „Nature“ beschrieben [2]. Einfacher gesagt: Ein System, das sich selbst kopiert, verliert mit jeder Kopie ein Stück von dem, was das Original ausgemacht hat.
Was bleibt
Die Menschen merken das offenbar. Laut Postbank Digitalstudie 2026 ist die Internetnutzung in Deutschland auf 67,4 Stunden pro Woche gesunken, von 71,8 Stunden im Jahr davor [3]. Getrieben wird der Rückgang von den unter 40-Jährigen, die ihre Zeit am Smartphone bewusst zurückfahren. Die Menschen wählen bewusster.
Wenn Herkunft sich nicht mehr aus einer Zahl ablesen lässt – aus Klicks oder Followern –, verschiebt sich der Wert dorthin, wo Herkunft noch eindeutig ist: eine Unterschrift, ein handgeschriebener Satz, ein Blick in die Augen bei einem Live-Termin. Was lange wie eine Nebensache wirkte, weil es sich nicht vervielfältigen ließ, wird dadurch zu dem, was sich am wenigsten ersetzen lässt.
Wonach würden Sie heute noch entscheiden, ob am anderen Ende tatsächlich ein Mensch steht?
Quellen
- Cloudflare, Auswertung Juni 2026 (Matthew Prince): 57,5 % der Web-Anfragen von Maschinen gegenüber 42,5 % von Menschen; Kipppunkt Ende April 2026, ursprünglich erst für 2027 erwartet — https://www.nbcnews.com/tech/tech-news/bot-web-traffic-overtaken-human-web-traffic-data-shows-rcna348522 und https://www.tomshardware.com/tech-industry/artificial-intelligence/bots-have-now-passed-human-traffic-online-cloudflare-boss-laments-says-agentic-traffic-wasnt-expected-to-eclipse-real-people-until-next-year
- Shumailov, Shumaylov, Zhao, Papernot, Anderson, Gal: „AI models collapse when trained on recursively generated data“, Nature 631, S. 755–759, 2024 — https://www.nature.com/articles/s41586-024-07566-y
- Postbank Digitalstudie 2026: Internetnutzung in Deutschland 67,4 Stunden pro Woche (Vorjahr 71,8), mobile Nutzung 25,7 → 23,9 Stunden; 3.050 Befragte, April/Mai 2026 — https://www.postbank.de/unternehmen/medien/meldungen/2026/juni/deutsche-sind-weniger-online.html
- YouTube-Video „Übernahme der Maschinen: Ist das Internet tot?“ — kein Link hinterlegt, Kanal nicht bekannt. Die dort genannte Zahl zu maschinell erstellten Kurzvideos ist im Video nicht belegt und ließ sich unabhängig nicht bestätigen.
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